
14
»Bist du sicher, dass das die richtige Straße ist?«
Cyrene blickte auf die Karte, die wir in Faro gekauft hatten, bevor wir uns an der Küste entlang auf den Weg nach Sagres gemacht hatten. »Es ist auf jeden Fall die einzige, also muss sie richtig sein.«
»Ich hoffe nur, wir verirren uns nicht. Ich habe nicht viel Zeit für diese Angelegenheit.« Ich fuhr langsamer, als die Straße sich um eine Haarnadelkurve schlängelte. Angesichts der hohen Wellen, die tief unten an die Felsen krachten, wunderte es mich nicht, dass die Leute extra zum Surfen nach Portugal kamen. Cyrene warf mir einen koketten Blick zu. »Erzählst du es mir?«
»Was?«, fragte ich, obwohl ich ganz genau wusste, was sie meinte. Ich war mir nicht ganz sicher, was ich ihr von dem Gespräch, das Gabriel und ich am Tag zuvor mit Jian geführt hatten, berichten sollte.
»Du weißt ganz genau, dass du etwas vor mir verbirgst. Ich sehe es dir doch an.«
»Unsinn«, erwiderte ich, wobei ich mir zum fünftausendsten Mal wünschte, mein Spiegelbild sehen zu können. »Ich habe das perfekte Pokerface.«
»Wenn das so ist, dann hast du Full House und versuchst mir weiszumachen, du hättest nur ein Paar, also erzähl es schon.«
Ich fuhr für einige Minuten in Schweigen gehüllt und überlegte, ob ich ihr die Details anvertrauen konnte. Ich hatte nie Geheimnisse vor Cyrene gehabt, keine großen jedenfalls, und der Gedanke war mir unbehaglich, ihr Informationen vorzuenthalten, die sie interessieren würden... und wahrscheinlich auch etwas angehen würden, wenn sie die Affäre mit einem gewissen schwarzen Drachen fortführte. Aber ich hatte versprochen, Gabriel und seine Drachen zu schützen, und wenn das bedeutete, Dinge vor meinem Zwilling geheim zu halten, dann war es eben so. Es war nur alles so verwirrend.
»Es hat etwas mit Kostya zu tun, nicht wahr?«, fragte Cyrene.
Ich schaute sie ausdruckslos an. »Nein, wirklich nicht. Es hat etwas mit einer anderen Drachensippe zu tun.«
»Ach ja? Mit welcher denn?«
»Mit der roten«, erwiderte ich zögernd.
»Mayling, ich bin dein Zwilling, ich habe dich erschaffen.«
Cyrene tätschelte mir den Arm. »Du kannst mir vertrauen.«
Ich warf ihr einen Blick von der Seite zu. »Und was ist mit Kostya?«
»Was soll mit ihm sein?«
»Auf dem sárkány hast du darauf beharrt, seine Gefährtin zu sein, und das bedeutet, dass du dich verpflichtet fühlen wirst, ihm alles zu erzählen, was mit Drachenpolitik zu tun hat.«
Cyrene betrachtete ihre sorgfältig manikürten Fingernägel.
»Er wollte mich ja partout nicht als Gefährtin anerkennen.«
Ich hielt an einem Aussichtspunkt an und wandte mich ihr zu.
»Und was willst du jetzt machen?«
»Mit Kostya, meinst du?«
Ich nickte.
Cyrene verzog leicht das Gesicht. »Nichts. Im Moment lehnt er alles ab. Ich habe dir ja gesagt, Mayling, das er emotionale Probleme hat, weil er so lange gefangen gehalten wurde. Er ist verwirrt, aber wenn er erst mal wieder festen Boden unter den Füßen hat, wird er schon sehen, dass wir füreinander bestimmt sind.«
Ihre Worte berührten einen wunden Punkt bei mir. Gabriel und ich gehörten zusammen, auch ohne das Stück Drachenherz, das Drachenverhalten bei mir auslöste. Wir waren vom Schicksal füreinander bestimmt. Vielleicht empfand Cyrene ja das Gleiche für Kostya? Es hatte schon seltsamere Dinge gegeben.
»Na gut, sagen wir also, du bist Kostyas Gefährtin. Aber das macht mich umso vorsichtiger, dir gegenüber Dinge zu erwähnen, die er besser jetzt nicht wissen sollte.«
Sie warf mir einen gekränkten Blick zu. »Wenn du mir etwas im Vertrauen erzählst, würde ich es nie weitersagen!«
»Cy, du hast bisher noch jedes einzelne Geheimnis ausgeplaudert, das ich dir jemals anvertraut habe, einschließlich solcher, die überhaupt nicht stimmten.«
»Das war deine eigene Schuld«, erwiderte sie aufgebracht.
»Du hast mir erzählt, du wärst eine Lesbe, nur damit ich keine Verabredungen für dich treffe... Also ehrlich, May!«
»Dieses Missverständnis haben wir doch schon lange hinter uns gelassen«, sagte ich. »Ich will wissen, ob du sofort zu Kostya rennst und alles ausplauderst, was ich dir erzähle.«
Cyrene zog die Nase kraus und überlegte einen Moment lang.
»Wahrscheinlich.«
Seufzend fuhr ich wieder an.
»Es sei denn, du bittest mich ausdrücklich darum, es nicht zu tun. Auch wenn du es nicht glaubst, ich kann durchaus ein Geheimnis für mich behalten. Aber ich möchte nicht in eine Position geraten, in der ich mich zwischen dir und Kostya entscheiden muss. Ich liebe dich, Mayling. Du bist mein Zwilling! Aber Kostya liebe ich auch, und ich möchte nicht vor die Frage gestellt werden, wer mir wichtiger ist.«
»Das ist in Ordnung«, erwiderte ich. Wir fuhren an einem Schild vorbei, auf dem stand, dass der kleine Ort, in dem der Surf-Wettbewerb stattfand, nur noch ein paar Kilometer entfernt war. »Was ich zu erzählen habe, betrifft Kostya gar nicht direkt. Aber ich möchte trotzdem nicht, dass du ihm davon berichtest.«
»Großes Najaden-Ehrenwort«, schwor sie.
Ich holte tief Luft, erleichtert darüber, dass wir uns verstanden. Cyrene mochte ja nicht die Klügste sein, aber ich wusste, dass sie ein gutes Herz hatte, und wenn sie auf die Najaden schwor, konnte man sich auf sie verlassen. »Du erinnerst dich doch an den roten Drachen namens Jian?«
»Der so gut aussah?« Cyrene nickte. »Kostya sagte, er sei der Sohn des ehemaligen Wyvern.«
»Ja, genau. Nun, er kam gestern, um uns um Hilfe zu bitten.«
»Um diese Hexe von Wyvern vom Thron zu stürzen? Das kann ich ihm nicht verdenken. Ich mochte sie überhaupt nicht. Aber was haben die silbernen Drachen denn mit den roten zu tun? Ich dachte, alle Sippen stünden ziemlich für sich?«
»Das ist ein wenig komplizierter. Es hat etwas damit zu tun, dass ich jetzt das Phylakterium für das Stück Drachenherz bin.«
»Oh! Apropos, wo ist es denn?«
Ich warf ihr einen erstaunten Blick zu. »Wo das Stück Drachenherz ist?«
»Ja. Ist es in dir, wie ein Tumor oder so? Kannst du es fühlen? Tut es weh?«
»Ja, ich glaube schon, dass es in mir ist. Unter meinem Rippenbogen ist eine kleine Narbe, die vor der Explosion des Lindwurm-Phylakteriums nicht da war. Aber es tut nicht weh.«
»Dann merkst du es also nicht einmal?« Cyrene stieß erleichtert die Luft aus. »Das ist gut.«
Ich korrigierte sie nicht. Ich würde erst erwähnen, dass ich mich nach und nach in einen Drachen verwandelte, wenn es nicht mehr zu übersehen war.
»Was haben Jian und seine Mutter mit dem Stück Drachenherz in dir zu tun?«
»Vor ein paar Monaten hat Aisling Jians Mutter, Chuan Ben, nach Abbadon verbannt.«
Cyrene nickte. »Das habe ich gehört. Das ist doch irgendwie bemerkenswert, oder?«
»Beeindruckend, ja. Jian möchte, dass wir sie zurückholen. Das heißt, er möchte, dass ich sie zurückhole.«
»Du?« Cyrene runzelte die Stirn. »Aber du hast Chuan Ren doch nicht nach Abbadon verbannt, das war doch Aisling. Warum bittet er Aisling denn nicht darum, sie zurück zu holen.«
»Das ist das Komplizierte daran. Ich nehme an, er hat es versucht, aber Drake hat es nicht zugelassen, was verständlich ist, wenn man Aislings Zustand bedenkt.«
»Ja, vermutlich, obwohl sie mir ziemlich stabil vorkommt.«
Ich grinste meinen Zwilling an. »Ehrlich gesagt mir auch, aber ich verstehe natürlich, dass Drake sie aus der Sache heraushalten will. Chuan Ren ist wahrscheinlich schrecklich wütend auf sie.«
»Und deshalb kommst du jetzt ins Spiel? Will Gabriel denn damit Drake einen Gefallen tun?«
Ich schwieg einen Moment und konzentrierte mich aufs Fahren. »Jian hat mich gefragt, ob ich meine Verbindungen nach Abbadon nutzen könnte, um herauszufinden, wo seine Mutter ist, und sie zu befreien. Im Austausch dafür hat er uns das Stück Drachenherz angeboten, das der rote Wyvern besitzt.«
»Warum brauchst du das?«, fragte Cyrene verwirrt.
Ich erklärte ihr kurz die Sache mit dem Drachenherzen.
»Wenn die roten Drachen dir ihr Stück übergeben, hast du also schon zwei von den fünf?«»Sie überlassen es mir nur für eine gewisse Zeit. Sie bekommen es ja zurück.«
»Zwei nützen dir nicht viel«, meinte Cyrene. »Du brauchst ja alle fünf.«
»Das hat Gabriel schon alles bedacht. Drake überlässt uns sein Stück, wenn wir Jian helfen.«
»Warum will er denn Jian überhaupt helfen...? Oh. Um den Krieg zu beenden?«
»Ja. Das wird zu der Vereinbarung gehören, die Chuan Ren unterschreiben muss, um befreit zu werden. Vorausgesetzt natürlich, ich kann sie überhaupt befreien.«
»Dazu wirst du Magoth brauchen«, erklärte Cyrene mit überraschendem Vorausblick. »Weißt du, wo er ist?«
»Nein, er hält sich seltsamerweise ziemlich bedeckt. Gabriel hat ihn beobachten lassen, aber soweit wir wissen, halten Magoth und Sally sich nur in seinem Haus in Paris auf.«
»Hmm. Ich hätte gedacht, dass Magoth hier jetzt jede Menge Unruhe stiftet.«
»Das würde er wohl auch, wenn er könnte, aber er wird wohl herausgefunden haben, dass seine Macht hier begrenzt ist.«
»Kann er dir denn dann überhaupt helfen?«, fragte Cy.
»Ja, schon, aber wir werden abwarten müssen, ob er es will.«
Ich unterdrückte das Entsetzen, das mich allein schon bei dem Gedanken daran überfiel. Ich wollte mir gar nicht erst vorstellen, was ich tun musste, um Chuan Ren zu befreien.
»Aber dann fehlen dir immer noch zwei Stücke für das vollständige Drachenherz.«
»Eins. Der blaue Wyvern hat auch eins.«
»Oh. Und wer hat das fünfte? Gabriel?«
»Nein.« Ich schwieg einen Moment lang. »Wir glauben, der Drache, den ich in der Schattenwelt gesehen habe, hat das fünfte Stück.«
Cyrene riss die Augen auf. »Baltic, meinst du?«
»Ja.«
Sie stieß einen Pfiff aus. »Es wird schwer sein, da dranzukommen.«
»Ja. Wir können nur hoffen, dass die anderen vier Stücke zusammen uns die Fähigkeit geben, das fünfte zu bekommen.«
»Hmm.« Cyrene überlegte einen Moment lang. »Ich wette, Bao hat zu dem Ganzen auch eine Meinung.«
»Ja, bestimmt, aber das geht uns nichts an. Jian beharrt darauf, dass Bao kein Recht habe, den Titel des Wyvern zu tragen. Und wir haben keinen Grund, ihm nicht zu glauben.«
»Ihr habt aber auch keinen Grund, ihm zu glauben, obwohl das eigentlich müßig ist. Oh! Da ist es, da drüben.« Cyrene zeigte auf eine Bucht mit saphirblauem Wasser, das zwischen weißen Steinhäusern hindurchfunkelte. Es dauerte eine Weile, bis wir einen Parkplatz gefunden hatten. Der Surf-Wettbewerb war gut besucht, aber schließlich stellten wir den Wagen im Schatten einer Kirche ab und gingen zu Fuß durch den Ort zum Strand, wo zahllose Menschen an Klapptischen saß. Surfbretter lagen überall am Strand, und ihre Besitzer standen über sie gebeugt, um sie zu wachsen.
»Welcher ist Neptun?«, fragte ich und genoss einen Moment lang den Anblick der durchtrainierten Männerkörper. Die meisten Surfer trugen knielange Cargoshorts oder bunte Wetsuits, und sie waren allesamt gut gebaut. Es waren nur erstaunlich wenige Frauen anwesend, aber diejenigen, die ebenfalls surften, waren genauso muskulös wie ihre männlichen Kollegen.
»Ich glaube, er ist da unten«, antwortete Cyrene. Sie zeigte auf das hintere Ende des Strands, wo gerade zwei Männer mit ihren Brettern aus der Brandung kamen. Ein dritter Mann balancierte sein Brett auf dem Kopf und wollte offensichtlich gerade ins Wasser gehen.
»Welcher?«, fragte ich, als wir auf sie zugingen.
»Natürlich der, der wie Neptun aussieht«, erwiderte sie gereizt und verdrehte die Augen.
Die beiden Männer blieben vor dem dritten stehen und schüttelten sich das Wasser aus den Haaren.
»Bruder!«, sagte der trockene Mann zu einem der beiden Typen. »Das war krass! Geil, total geil! Schade nur, dass dieser Grom dir in die Quere gekommen ist. Sonst hättest du den Tail Slide geschafft.«
»Schlangen sind Scheiße«, stimmte der größere, blondere der beiden Surfer ihm zu. »Aber es war auch ein perfektes Fass. Die Big Mama macht schon ein paar üble Wellen. Der Schlange würde ich am liebsten eine Dose Surfwachs in den... boah, Frauen!«
»Ah... hallo«, sagte ich, als der größere Typ uns bemerkte. Auch die anderen beiden drehten sich zu uns um.
»Entschuldigung, aber ich habe das zufällig mitbekommen. Schlangen? Im Ozean?«
Alle drei Männer blickten mich an, als sei ich völlig irre.
»Ach, ihr habt gar nicht wirklich Schlangen gemeint?«, fragte ich den größten der drei. Er strahlte eine entspannte Autorität aus, weshalb ich annahm, dass er der Anführer aller Wasserwesen war.
»Hey Mann, eine Schlange ist jemand, der außer der Reihe auftaucht.«
»Nicht geil«, sagte der trockene Mann und schüttelte den Kopf.
»Nein, absolut nicht«, stimmte ich zu. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon sie redeten, aber ich hatte keine Lust, mir die Surfer-Sprache erklären zu lassen. Ich wandte mich wieder an den großen Mann. »Sind Sie zufällig Neptun?«
»Hier nennen mich alle Ned, aber ihr beiden seid auch keine Sterblichen, oder?« Der Mann lächelte mich strahlend an und zeigte seine weißen Zähne. Dann glitt sein Blick zu Cyrene, und er zog leicht die Augenbrauen in die Höhe. »Mann! Du bist bestimmt die Najade mit dem schmutzigen Doppel! Lecker! Aber warst du letzte Woche nicht total beschäftigt?«
»Ich nehme nicht an, dass einer von euch wirklich Englisch spricht?«, fragte ich. Cyrene packte mich am Arm und machte ein Mittelding aus Verbeugung und Knicks vor Neptun. Sie zischte mir zu: »May! So redet man nicht mit Lord Neptun!«
»Groms«, sagte der trockene Mann und lief kopfschüttelnd in die Brandung.
»Ich wollte nicht respektlos sein«, sagte ich zu Neptun, der sein Brett schulterte und zum Strand ging. »Vielleicht fangen wir besser noch einmal von vorne an. Ich bin May Northcott, und das ist mein Zwilling Cyrene. Was ist denn ein Grom?«
»Grommit«, erwiderte Neptun und legte sein Brett auf eine Decke. »Du kennst doch bestimmt Wallace und Grommit. Groms sind Dummköpfe, ahnungslose Trottel. Was macht ihr zwei Häschen denn eigentlich hier? Yo, Kumpel, ich bin am Verhungern. Besorg uns mal was zu beißen.«
»Schon dabei«, sagte der andere Mann und eilte zu ein paar Buden, in denen Essen verkauft wurde.
Neptun zog eine Augenbraue hoch und betrachtete uns.
»Lord Neptun«, sagte Cyrene und machte erneut einen ihrer komischen kleinen Knickse. »Mein Zwilling und ich sind hierhergekommen, um Euch die unerfreuliche Situation mit meiner Quelle zu erklären. Wisst Ihr, May ist die Gefährtin eines Wyvern und aufgrund komplizierter Verstrickungen auch an Magoth, den Dämonenfürst, gebunden.«
»Ganz schön verwickelt«, sagte Neptun und nickte. Er lehnte sich an den Tisch, auf dem das Surfbrett lag. »Aber mit deiner Quelle hat das nichts zu tun.«
»Ich kann verstehen, warum Ihr das so seht...« Cyrene warf mir einen flehenden Blick zu.
Ich hatte Mitleid mit ihr. »Cyrene hat mir geholfen, dass ich nicht nach Akasha verbannt wurde. Sie hat viel Zeit für mich geopfert und konnte deshalb ihre Quelle nicht so versorgen, wie es notwendig war.«
»Ach ja?« Neptun blickte uns nachdenklich an. »Ich habe es läuten hören, dass du dich mit einem Drachen eingelassen hast und dass deshalb dein Teich versiegt ist.«
»Ah...« Cyrene blickte mich hilfesuchend an.
»Weil ich mit einem Drachen zusammen bin, ist auch Cyrene in diese Gesellschaft geraten«, sprang ich ein. »Aber ich kann Euch versichern, dass sie ihre Position sehr ernst nimmt und um das Wohlergehen ihrer Quelle besorgt ist. Wenn Ihr sie wieder als Najade einsetzen könntet, würdet Ihr es sicher nicht bereuen.«
»Nein, Ihr würdet es nicht bereuen«, sagte Cyrene hastig. »Ganz und gar nicht. Ich werde mich Tag und Nacht um meine Quelle kümmern.«
Neptun schürzte die Lippen und zog den Reißverschluss an seinem Wetsuit herunter, um sich an der Brust zu kratzen. Cyrene umklammerte meine Hand so fest, dass es beinahe wehtat.
»Tut mir leid, aber das geht nicht«, sagte er schließlich. »Ich weise dich nicht gerne ab, aber es gibt Regeln, weißt du.«
Cyrenes Unterlippe bebte, und sie schaute mich aus riesengroßen, feuchten blauen Augen an. »May, bitte«, flüsterte sie.
Mir brach es fast das Herz, sie so zu sehen. Oh, sie steckte wirklich tief in der Tinte, aber sie war mein Zwilling, und ich wusste, wie viel es ihr bedeutete, eine Najade zu sein. »Was müsste sie tun, um Euch zu beweisen, dass sie der Position würdig ist?«
Neptun ergriff ein paar Lappen und begann, sein Surfbrett abzuwischen. »Das wird eine Menge Arbeit werden. Viel Arbeit.«
»Wartet«, warf Cyrene misstrauisch ein. »Was für eine Arbeit?«
Ich kniff sie und sagte: »Sie hat keine Angst vor harter Arbeit und ist absolut bereit, sich Euch gegenüber zu beweisen. Was muss sie denn tun?«
Neptun ergriff die Dose mit dem Surfbrett-Wachs. »Du hast von der Big Mama genommen. Das ist nicht cool, überhaupt nicht cool. Du musst der Big Mama das zurückgeben, was ihr gehört, und dann sehen wir weiter.«
Kurz überlegte ich, ob ich ihn bitten sollte, uns das genauer zu erklären, aber da ich das Gefühl hatte, dass doch nur wieder Schlangen und Grommits dabei herauskommen würden, verzichtete ich darauf. »Das werden wir tun. Vielen Dank. Und... äh... Hals-und Beinbruch, oder was man sonst so bei euch sagt.«
Sein Lachen folgte uns, als ich mit Cyrene den Strand hinunterlief. Sie wollte sich gerne mit mir darüber auseinandersetzen, wie die Sache gelaufen war, aber ich hatte weder die Geduld noch die Zeit, mich darauf einzulassen. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, auf dem Weg zurück nach Faro die ganze Zeit auf Neptuns arrogante Art und meine selbstherrliche Behandlung des Themas zu schimpfen.
»Geh und besorg uns Tickets nach Rom«, sagte ich zu ihr, als wir den Leihwagen zurückgegeben hatten.
Sie warf mir einen finsteren Blick zu. »Das ist alles, was du dazu sagst? Ich soll Tickets besorgen? May, ich muss mich Neptun gegenüber nicht beweisen...«
»Du bist diejenige, die Mist gebaut hat«, unterbrach ich sie und zog mein Handy heraus. »Und jetzt musst du den Preis dafür bezahlen. Also hör auf, dich zu beklagen, und besorg uns endlich Tickets, damit wir uns ansehen können, wie sehr die Quelle in Mitleidenschaft gezogen ist. Dann werden wir uns überlegen, wie wir das wieder rückgängig machen können, damit ich nach Hause fahren und mir Gedanken darüber machen kann, wie ich einen Wyvern aus Abbadon herausbekomme.«
»Pah!«, schnaubte sie, machte sich aber gehorsam auf den Weg, um Flugtickets zu kaufen.
»Brauchst du Hilfe?«, fragte Gabriel, nachdem ich ihm die Situation erklärt hatte. Seine Stimme klang hinreißend wie immer, und ich brauchte ihn nur zu hören, um sofort Gänsehaut zu bekommen.
»Nein, ich glaube, es ist alles in Ordnung. Wenn wir keinen Flug bekommen, fahren wir nach Lissabon und nehmen dort das Portal, obwohl ich gehört habe, dass es nicht so ganz sicher ist. Aber du kannst eigentlich davon ausgehen, dass wir einen Flug bekommen. Allerdings werde ich nicht vor morgen in Paris sein.«
»Einen Moment«, sagte er, und ich hörte unterdrückte Stimmen im Hintergrund. Kurz darauf war er wieder am Apparat.
»Maata kommt nach Rom. Sie kann von hier aus ein Portal nehmen.«
Ich weiß, wie ungern Drachen Portale benutzen - was sicher damit zu tun hatte, dass während des Transits häufig Dinge verloren gehen - , aber ich war nicht nur aus diesem Grund dagegen.
»Du fängst doch jetzt etwa nicht an wie Drake, oder?«, fragte ich.
»Wie Drake?«
»Aisling sagt, sie kann keinen Fuß vor die Tür setzen, ohne dass einer von Drakes Bodyguards sie begleitet. Bist du jetzt auch überfürsorglich geworden?« Ich musste unwillkürlich lächeln. »Wenn das der Fall ist, sage ich dir lieber gleich, dass ich nicht beschützt werden muss. Ich kann ganz gut auf mich selbst aufpassen.«
»Daran zweifle ich nicht, mein kleiner Vogel«, antwortete er amüsiert. »Allerdings muss ich zugeben, dass ich Drake mittlerweile besser verstehe. Aber es geht nicht darum, ob du auf dich selbst aufpassen kannst oder nicht. Maata spricht fließend Italienisch, und da du gesagt hast, dass weder du noch dein Zwilling es besonders gut beherrschen, dachte ich, sie könnte euch vielleicht helfen.«
Ich verkniff mir die Antwort, die mir auf der Zunge lag, und sagte einfach: »Das ist ein ziemlicher Aufwand für Maata, aber wenn sie gerne mit uns einen kleinen Ausflug nach Italien machen möchte, dann freuen wir uns natürlich, sie dabeizuhaben. Oh, warte mal, da kommt Cyrene mit den Tickets.«
»Ich hoffe, du weißt, was du tust«, sagte sie schmollend. »Etwas Besseres habe ich nicht bekommen.«
Ich gab die Flugdaten an Gabriel weiter.
»Ich würde selber kommen, aber ich habe einen Termin mit Bastian. Drake glaubt, dass er uns das blaue Stück Drachenherz ohne Weiteres geben wird, aber ich will kein Risiko eingehen.«
»Und du hast gedacht, ich sei nur deine Gefährtin geworden, weil du so gut aussiehst und so eine samtige Stimme hast«, sagte ich. »Und dabei hat es nur an deinem scharfen Verstand gelegen.«
»Tatsächlich«, erwiderte er ernst. Ich runzelte die Stirn. Normalerweise reagierte er auf eine flirtende Bemerkung anders. »Ist bei dir alles in Ordnung?«, fragte ich. »Verschweigst du mir etwas?«
»Ich würde dir nie etwas verschweigen, Gefährtin«, sagte er förmlich. »Ich hoffe, deine Reise verläuft gut, und du kannst bald zu deinem Gast zurückkehren.«
»Mein Gast?«, fragte ich besorgt. »Was für ein Gast?«
»Sie möchte gerne mit dir sprechen. Maata holt dich am Flughafen ab. Sei vorsichtig, May. Das Meer ist in diesem Teil der Welt nicht immer ruhig.«
Seine Metapher entging mir nicht, und jetzt wurde mir auch der wahre Grund klar, warum Maata mich in dem Land, in dem traditionell der von seinem Posten gedrängte Fiat lebte, begleiten sollte. Die Identität meines Gastes jedoch war mir ein Rätsel... bis eine vertraute fröhliche Stimme an mein Ohr drang.
»Süße! Du hast mir gar nicht gesagt, was für einen schönen Liebesknochen du da versteckt hältst. Er ist ja einfach zum Anbeißen, auch wenn er ein Drache ist. Du hast doch wohl nichts dagegen, wenn wir ihn uns teilen, oder?«